Der Liberalismus und die Kulturfrage

Die Freiheit verteidigen zu wollen – ist dies nicht der erste Irrtum der Populismusdebatte? Immerhin handelt es sich um keine Trutzburg, keinen Bunker, und um eine Front schon gar nicht. Die Freiheit besitzt keine Mauern, Torwächter und Mauerschützen; ja – die ganze Metapher zeichnet ein falsches Bild. Verteidigt wird Freiheit allenfalls gegen Gewalttäter und Eindringlinge. Der Neurechte Populismus aber sitzt im Inneren – und bis jetzt greift er nicht zur Gewalt. Er nutzt die vorhandenen Spielräume, gedeiht in unserer sympathischen Offenheit, bis die Freiheit zur bloßen Formalität seiner Machtübernahme verkommt. Wie aber umgehen mit einer solchen Bedrohung? – Eine Methode findet sich in den Archiven des Liberalismus: Die Dialektik. Und mit ihr die Chance der Neuerfindung.

Dialektik – das ist die Kunst der Gesprächsführung, der argumentativen Diskussion. Seit seinen Anfängen fand der Liberalismus in ihr das passende Medium, den Menschen zu bilden, sodass er sich seiner Verstandeskräfte bedienen kann. Die Öffentlichkeit ist die praktische Ausformung dieser Möglichkeit. Gerade in ihr suchte der aufstrebende bürgerliche Liberalismus die Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner: Dem konservativ-monarchistischen Adel. Die Öffentlichkeit hatte im Idealfall den entscheidenden Vorteil, dass sie selbst liberale Werte verkörperte. Die Freiheit des Gedankens und dessen Äußerung waren der Öffentlichkeit schon eingegeben. Auch deswegen ist die Dialektik die Methode der Stunde; die Gegner der Freiheit beweisen mit der Äußerung ihrer Liberalismuskritik die logische Notwendigkeit seiner Grundpostulate. Darin schlägt sie jede plumpe Verteidigungsparole um Längen.

Diskussion, also – aber was wäre zu sagen? Immerhin grollt und brüllt der Populismus meist flach. Seine Parolen sind leicht durchschaubar; er greift Ressentiments auf, spielt mit ihnen, variiert sie bis zur Empörung, in deren Atmosphäre er sich zum Volkshelden stilisiert. Mit dieser Sorte Populismus ist eine Diskussion nicht möglich. Wohl aber mit seinen theoretischen Ausfertigungen. Die Theorie macht greifbar, was sich in den gesellschaftlichen Gemütern regt, dort als Empörungsformel und Sehnsuchtswunsch. Sich in die Gefilde populistischer Theorie zu begeben, kann deswegen für einen Liberalen lehrreich sein.

Die Neue Rechte spielt zweifelsfrei den wichtigsten Theoriegeber des neuen Populismus, wenn auch nicht immer ganz klar ist, wer hier Wirt und wer Parasit ist. Sie gewinnt an Einfluss in Amerika, in Frankreich und auch in Deutschland. Wer ihr Hauptfeind ist, daran lässt sie keinen Zweifel: »An Liberalismus gehen die Völker zugrunde, nicht am Islam«, notiert etwa Martin Lichtmesz in Anlehnung an Moeller van den Bruck in der »Sezession«. Der Liberalismus gilt als dekadent, unentschieden, unfähig, die notwendigen staatlichen und nationalen Strukturen aufrechtzuerhalten. Die Kritik ist keinesfalls assoziativ, sie attackiert bisweilen systematisch.

Vordenker der Neuen Rechten: Alain de Benoist – Question individualisme, Yaci DZ (Creative Commons)

So hält Alain de Benoist in seiner »Critique de l’idéologie libérale« dem Liberalismus vor, keine Theorie des Sozialen zu kennen. Sicher, der französische Vordenker der Neuen Rechten kennt die Gesellschaftsbetrachtungen eines Hayek und Friedman, die Spontanordnungen und Handelsbeziehungen. Und doch trifft de Benoist eine wunde Stelle: Der geschichtlichen Bedingtheit ihrer Freiheitssysteme widmen liberale Denker selten genügend Raum. Liberale Gesellschaftstheorien sind, mit wenigen Ausnahmen, funktional. Sie analysieren wie Individuen zusammenspielen, handeln, ihrem Willen folgen – und wie sich dies Wirrwarr zu einem Allgemeinen ergänzt. Wo liegen aber die Bedingungen von Markt, freiem Handeln und gesellschaftlichem Umgang? Woraus speist sich der zivilisierte modus vivendi liberaler Gesellschaften? De Benoist beantwortet diese Fragen in Abgrenzung zum Liberalismus: »Ökonomische Fakten sind niemals autonom, sondern relativ zu ihrem gegebenen sozialen und kulturellen Kontext.« Und ökonomische Rationalität ist »nur das Produkt einer klar nachvollziehbaren sozial-historischen Entwicklung«. Diese bahnt sich im Neurechten Denken entlang von Christentum, Ethnie, Staatsidentität und Tradition. Sie bildet den notwendigen Unterbau jedweder Freiheit. Entsprechend wendet Armin Mohler in seiner Schrift »Gegen die Liberalen«: »Das eigentliche politische Problem des Liberalismus ist, daß eine liberale Praxis nur möglich ist, wenn gewisse Traditionsbestände an Gewohnheiten und tief eingerasteten Sitten noch vorhanden sind, mit deren Hilfe die Gesellschaft ihre Schwierigkeiten meistert. (…) Sechs Konservative Jahrhunderte erlauben es zwei Generationen, liberal zu sein, ohne Unfug anzurichten. Sind aber jene Bestände in der permissiven Gesellschaft einmal aufgezehrt, so werden die bestgemeinten liberalen Parolen zu Feuerlunten«.

Das Individuum marschiert gemäß Neurechter Theorie auf den Pfaden seiner geschichtlichen Herkunft. Es ist gleichsam Triebkraft und Spielball einer kollektiven Generalbewegung. Kleine Abweichungen und Schwankungen sind erwünscht, doch im Gegensatz zum liberalen Axiom bildet der Einzelne keinen normativen und analytischen Ausgangspunkt, sondern die Teilmenge einer schwingenden Masse. Einer Masse, der allzu große, »permissive« Ausbrüche nicht gut bekommen. Das ist begründet abzulehnen. Denn logisch gesehen handelt am Ende einer Entscheidungssituation immer ein Individuum, frei seines Verstandes – keine Volksmasse. Und was ist eine Tradition oder eine kulturelle Praktik wert, zu der sich ein Einzelner aus Zwang oder Unwissenheit bekennt? Nein, an der Notwendigkeit der freien Willensentscheidung, in der bestenfalls Vernunftgründe den Ausschlag geben, kommt auch ein Neuer Rechter nicht vorbei.

Aber dennoch: Wenn es stimmt, dass der Populismus Neurechte Versatzstücke in Parolenform gießt, bietet sich hier eine Gelegenheit: Der Liberalismus kann aus ihnen lernen. Offenbar treibt der Wunsch nach Gemeinsamkeit, nach kultureller Zugehörigkeit, auch nach kollektivem, das heißt »volksnahem«, Schaffen, populistischen Parteien Wähler zu. Dies sind keine Liberalen – so viel steht fest. Und doch gefährden sie den Wert und die Vorrangstellung, die die Freiheit genießt in unserer Gesellschaftsordnung. Sie zurückzugewinnen oder zumindest den Wählerfluss zu stoppen, drängt sich vielleicht als die aktuellste Schicksalsfrage liberaler Gesellschaften auf – vergleichbar nur mit der Sozialen Frage des 19. und 20. Jahrhunderts. Um im Bild zu bleiben: Der Liberalismus sollte sich nicht scheuen, die kulturelle Frage zuzulassen; ja, sie selbstbewusst zu stellen.

Wie soll der Mensch umgehen mit den endlosen Konsum- und Identitätsangeboten des Individualismus? Und noch provokativer: Welche kulturellen Merkmale muss ein Mensch aufweisen, um sich in eine freien Gesellschaft einzufügen? Wenn sich – wie aktuell – Globalisierung, Digitalisierung und Migration verdichten, erhöht das noch eher den Zwang zur Antwort. Doch eine solche kann nicht leicht gegeben werden. Der Liberalismus bleibt im Versuch immer gefährdet, den Kern seiner Weltanschauung zu verraten: Die freie Entscheidung des Individuums, derer nichts vorangestellt werden darf.

Literatur

Benoist, Alain de. 2002. „Critique de l’idéologie libérale.“ Critiques—Théoriques (L’Age d’Homme), Lausanne: 13–29.

Mohler, Armin. 2010. „Gegen die Liberalen“. Reihe Kaplaken (21), Antaios, Schnellroda.

Hinweis

Der Artikel erschien ebenfalls im ›Freiraum‹ 3/2017.

Veröffentlicht von Oliver Weber

Student, Autor.

Ein Kommentar zu “Der Liberalismus und die Kulturfrage

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