Raum ohne Sinn. Eine Notiz zu »Dunkirk«

So, nun habe ich auch endlich den gelobten Film gesehen. Es wurden schon viele Aspekte sehr detailreich und klug besprochen, da möchte ich auf etwas anderes den Fokus legen: Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass die Zeitdimension in »Dunkirk« beinahe völlig verschwindet? Film ab, die britischen Soldaten schlendern bereits entmutigt durch Dünnkirchen, auf der Suche nach Wasser. Schüsse fallen (es müssten Deutsche sein, gezeigt wird das – wie schon von anderen erwähnt – freilich nicht), eine verlustreiche Flucht; dann: der Strand.

Die Zeit wird, wenn schon um der Erzähllogik willen nicht vollkommen gesprengt, so doch zerschnitten – wenn etwa die Landungszene auf dem Wasser in merkbaren zeitlichem Abstand aus zwei räumlichen Perspektiven gezeigt wird. Anstatt der gerade für Historienfilme oft bedeutenden Zeitdimension, immer wieder: der Strand. An diesem beklemmenden, durch die Shepard Töne scheinbar immer enger werdenden, zum Ende hin zu explodierenden Ort, spielt der Hauptteil des Films. Nicht, dass er immer zu sehen wäre, aber doch richtet sich alles auf ihn: Die Air Force, die angedeuteten Deutschen, die Zivilschiffe, die Navy, die von der Flut angetriebenen Leichen, die Rettungsboote… Immer wieder der Strand – von dem aus man ja »die Heimat beinahe sehen« kann.

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Dunkirk 26-29 May 1940; © Crown Copyright, (IWM Non-Commercial Licence)

Damit wird auch das klar, was Richard Cohen meint, wenn er schreibt, es fehle der historische Kontext. Durch die beinahe komplett fehlende Zeitdimension im Größeren ist der Film eben nicht eingebettet in die Vorgeschichte, Rahmenbedingungen, Kriegsmotive und -Handlungen. der Krieg liegt als gewaltiger, verdichteter Raum vor uns, in dem die reine Gewalt aufblitzt, sprengt, tötet. Insofern trifft der von einem netten Mit-Kommentator entliehene Begriff »pazifistische Stahlgewitter« den Nagel auf den Kopf. Die Hauptpersonen kennen wir kaum mehr als ein durchschnittlicher Mit-Soldat selbige gekannt haben dürfte. Für kleinere Heldentaten ist Platz, für eine auf die Zeitdimension projizierte Heldengeschichte nicht. Die Soldaten wie der Zuschauer sind einfach hineingeworfen in diesen Raum der Gewalt.

Natürlich ist es nicht so, dass Zeit oder Sinn gänzlich fehlen würde. Wie bereits von Gustav Seibt so gut geschildert: Der Tee, die Marmeladenbrote, die Küste, Churchills Rede – um all das geht es letztlich. Das ist der gut versteckte Zweck des Krieges, aus britischer Sicht; und natürlich auch der Sicht jedes zivilisierten Menschen. Dennoch ist an dem Vorwurf etwas dran, der Film laufe Gefahr, zu relativieren. Als ich aus dem Kino ging, fragte eine nicht ungebildet aussehende, ältere Dame ihren Gatten, wer den nun die auf die Briten schießenden Flugzeuge gewesen seien (Nein, das habe ich nicht erfunden). Klar, das Eiserne Kreuz ist zu sehen und auch sonst sollte das selbstverständlich sein. Aber man muss zugeben, dass der Film nicht viel dazu leistet, der Dame ihre wohl lange zurückliegende Schul- oder Universitätsbildung wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Ich habe mir dann vorgestellt, ihr Mann würde ihr selbiges schon noch erklären. Und da kam mir die Idee, warum Cohen Recht hat, und dann eben doch wieder nicht: Der Film relativiert, er verwischt, indem er die Geschichtserzählung, aus der antifaschistischer Sinn zu gewinnen wäre, nicht wiederholt. Doch ist das so so schlecht? Ja, »Dunkirk« ist ein Film für die Trump-Ära. Aber besser als Cohen denkt. Denn gerade im populistischen Alles-Zweifel, in ihren verkürzten, auf Ressentiments abzielenden Argumenten, Sinnsprüchen, Aufrufen – wie schwierig ist es da mit einem komplexen, der Intuition widersprechenden Gedankengang zu überzeugen? Sind wir nicht wie der Zivil-Kapitän, der dem geretteten Soldaten erklären muss, warum er weiter auf Dünnkirchen Kurs hält, statt ins kuschlige England zurückzukehren? Eben weil dort die britische Armee wartet – und ohne sie ist bald auch England an der Reihe. In diesem gewaltigen Raum, dem Strand und seiner Umgebung, in dem der Film spielt, hat es die Logik schwer. Alles was uns heute eben in Form der gängigen Geschichtserzählungen als sinnvoll und zweckmäßig, als eindeutig und – ja – auch heldenhaft erscheint, nämlich der notwendige verlustreiche Krieg gegen Hitler; All das verschindet hinter, unter dem mit Gewalt aufgeladenen Raum des Dünnkirchner Strandes. Und was wäre eine bessere Kur, als die Schwierigkeit der logischen Überzeugungskraft in aller bester filmischer Form dargestellt zu bekommen, statt auf der geschichtlichen, oberflächlichen »Selbstverständigkeit« stehen zu bleiben, wie es ja so viele Zweiter-Weltkriegs-Filme tun?

Veröffentlicht von Oliver Weber

Student, Autor.

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