Als das Bürgertum das Tanzen verlernte

Je weniger Individuum, desto mehr Individualismus
– Adorno

Ein großer Schritt nach Vorn zwischen die Füße der Dame, wir drehen uns, drehen uns weiter, setzen den linken Fuß seitwärts zur Tanzrichtung auf, ziehen den rechten Fuß an den linken heran, versuchen unter den bösen Blicken des Lehrers Gleichgewicht und Tempo zu halten, dann noch ein Schritt und noch ein Schritt und bei alledem auch noch möglichst das Umfallen vermeiden, um bloß nicht so dumm dazustehen wie das Nachbarpärchen. Ja, der Tanzkurs in der Zehnten Klasse bleibt einem im Gedächtnis. Den tausende deutschen Schüler, die diese Tortur gerade über sich ergehen lassen müssen, sei Mitgefühl ausgesprochen.

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Der Liberalismus und die Kulturfrage

Die Freiheit verteidigen zu wollen – ist dies nicht der erste Irrtum der Populismusdebatte? Immerhin handelt es sich um keine Trutzburg, keinen Bunker, und um eine Front schon gar nicht. Die Freiheit besitzt keine Mauern, Torwächter und Mauerschützen; ja – die ganze Metapher zeichnet ein falsches Bild. Verteidigt wird Freiheit allenfalls gegen Gewalttäter und Eindringlinge. Der Neurechte Populismus aber sitzt im Inneren – und bis jetzt greift er nicht zur Gewalt. Er nutzt die vorhandenen Spielräume, gedeiht in unserer sympathischen Offenheit, bis die Freiheit zur bloßen Formalität seiner Machtübernahme verkommt. Wie aber umgehen mit einer solchen Bedrohung? – Eine Methode findet sich in den Archiven des Liberalismus: Die Dialektik. Und mit ihr die Chance der Neuerfindung.

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Der Kongress tanzt nicht, er trauert

Man muss nur genau hinhören. Die Streicher spielen vorsichtig den ersten A-Dur-Akkord, ein schwerer, zweitaktiger Rhythmus legt sich über den Raum, beherrscht ihn, bis sich Bratschen und Violincelli dazugesellen. Dann ist es zu hören… ein leises, crescendo poco a poco erklingendes Wehklagen, unüberhörbar bahnt es sich durch die starren Verhältnisse der Prozession tief hinein in das menschliche Gehör. Der Atem stockt. Die Sargträger schreiten voran. Der Tote verlässt den Saal. Währenddessen übernehmen die ersten Violinen die zweite Stimme, die Schwere löst sich und lässt wohlklingende Höhen zu, man atmet durch – die Themen, anfangs mehr im Dunkeln liegend, stehen plötzlich in freundlich hellem Glanz dar.

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Parlamentarische Fahrlässigkeiten

Die Entwicklung der letzten Woche gleicht einem Politkrimi: Zuerst stellte sich Volker Beck vor die Delegierten des Grünen-Parteitags und forderte von seinen Parteikollegen die Öffnung der Ehe für Homosexuelle zur Koalitionsbedingung zu machen. Der Parteivorstand willigte mürrisch ein. Christian Lindner ging den nächsten Schritt und empfahl seiner FDP dem Beispiel der Grünen zu folgen. Schließlich signalisierte die Kanzlerin auf einem Podium der Zeitschrift ›Brigitte‹ überraschend, sie wolle die Frage dem parteipolitischen Streit entziehen und daraus eine »Gewissensentscheidung« machen. Im Bundestag werde die Fraktionsführung der CDU keine Fraktionsdisziplin einfordern.

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Merkel, Oakeshott und die Ehe für alle

Es scheint zu den Gesetzmäßigkeiten der Bundesrepublik zu gehören, dass Kanzler ständigen Verratsvorwürfen ausgesetzt sind. Doch nicht aus dem Lager der Opposition, sondern aus dem eigenen: Adenauer war zu wenig national, Erhard zu liberal, Brandt ignorierte die Studenten, Schmidt war sowieso eigentlich ein Konservativer, Kohl hat uns den Euro eingebrockt und Merkel – nun ja – die ist ja eigentlich eine Sozialdemokratin. Erzählte man die Geschichte der Bundesrepublik aus der Sicht der hauseigenen Kanzlerkritiker, ergäbe das wohl einen recht absurden Erzählstrang. Rechte, die sich als Linke tarnen, Linke, die sich als Rechte tarnen, solche, die gar nichts sind – und jene, die alles sein wollen. Wenn Sozialdemokraten regierten, saßen eigentlich CDUler auf der Regierungsbank – und umgekehrt. Jede Legislatur würde nach Verrat und Heuchelei riechen. Nein, ein solches Geschichtsbuch möchte man ehrlich keinem Schüler zumuten.

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In der Arena der Populisten

Mittlerweile häufen sich die Theorien, die meinen, die wahre Ursache der westlichen Demokratiekrisen entdeckt zu haben. Von einer postmodernen Linken, die den Klassenkampf vergaß, über migrationsbedingte Identitätsprobleme, bis zum postdemokratischen Technokratismus merkelscher Machart: Im bunten Sammelsurium der Echtzeitdiagnosen ist für jeden was dabei. Sie alle neigen dazu, ihre eigenen Politikinhalte und -Stile zu verabsolutieren, um anderen dann deren Nichtgebrauch vorzuwerfen. Doch vielleicht ist es an der Zeit, die Orte heutiger Politikvermittlung in den Blick zu nehmen. Und damit vor allem den hauptsächlichen: Die Talkshow.

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